Manche Superheldinnen tragen keine Umhänge

Liebes Universum, heute hat meine älteste Freundin Katja Geburtstag. Mit „alt“ meine ich nicht ihr Alter, sondern die Zeit, seit wir uns kennen. Es begann im Herbst 1992. Du kennst das genaue Datum sicher besser als ich, denn Du bist unser Autor. Das hier ist ein Dankeschön an Dich und Deine Kreativität, denn unsere Story hat eine Oskar-Nominierung verdient. Du hast Superheldinnen ohne Umhänge ins Leben geschrieben.

 

Ich finde Du machst Deine Sache großartig. Zwei so vielschichtige Protagonisten zu entwerfen ist schon eine Leistung – und die Antagonisten erst! Ohne Scheiß – ich darf ja so sprechen, denn Du hast mich so gemacht- die riesen Arschlöcher, die Du uns immer wieder ins Leben geschrieben hast, die haben es in sich.

Man kann sie so richtig hassen, die Männer und Frauen, die unsere Kapitel besuchen. Jede gute Geschichte beinhaltet solche Figuren, dadurch wird es ja für den Leser erst spannend. Schließlich will man beim Lesen wissen, ob die Superheldinnen die Krisenzeiten meistern oder ob sie scheitern. Vielleicht sogar drauf gehen und den Löffel abgeben.

Wir sind nie drauf gegangen. Gut, wir haben schon zwischendurch mal ans Aufgeben gedacht. Doch das haben wir nie. Letztlich sind wir immer stärker geworden. Und dafür möchte ich heute mal „danke“ sagen, auch im Namen der anderen Hauptdarstellerin.

Wir waren gerade mal 13 Jahre alt, als unsere erste Krise begann. Nicht miteinander, nee. Du hast es so gestrickt, dass diejenigen Steine nach uns warfen, die im Glashaus saßen. Feinsäuberlich getarnt im Gewand des Christentums, da durften wir beide zum ersten Mal die Messer in unseren Rücken spüren, die Menschen bei sich tragen, die sich selbst, das Leben und seine Liebe nicht spüren. Mir hat es den Glauben an jede Religion entzogen – und Katja wurde gläubig. Wir gleichen uns aus. Immer. Mir ist heute vollkommen klar, dass Du mir einen Menschen an die Seite gestellt hast, der mich durch diese furchtbare Zeit begleitet hat. Ich habe auch dadurch den Glauben an tiefe Freundschaft und meine Fähigkeit eine Freundin zu sein, niemals verloren.

Von Katja habe ich gelernt, wie verzeihen geht. Von Banalitäten bis zu richtig schweren Krachern. Ich meine jemandem so richtig, von ganzem Herzen, zu vergeben. An die Stelle einer Enttäuschung mit fiesen Schmerzen, wieder Liebe zu setzen. Das kann sie so viel besser als ich.

Sie ist das, was ich eine Supermama nenne. Klar, dass Du ihr Anfang zwanzig einen Braten in die Röhre gesetzt hast, war eine Überraschung. Es war halt an der Zeit, denn der Roman über uns beide brauchte eine Wendung. Ich war schließlich bloß an der Uni. Zwischen Hörsaal und Studentenkneipe passiert nicht so viel. Als Autor war Dir das zu langweilig. Was tun? hast Du Dir wohl gedacht. Ach, ja: jemand wird schwanger. Heiratet, lässt sich kurz darauf wieder scheiden. Megakrise.

Mitte zwanzig, alleinerziehende Mama und pleite. Ein Pageturner. Ein Blockbuster, bei dem uns im Kino das Popcorn im Hals stecken bleibt, weil man wissen mag, wie es ausgeht. Du hast es wirklich spannend gemacht, als Mister Big auftauchte – gut, dass Katja einen Seelengefährten erkennt, wenn er auftaucht. Diese Ehe, die war und ist anders, als die erste. Sie ist das, was ich authentisch nenne. Katja weiß, wie lieben geht.

Sie erkennt ein gutes Buch, wenn sie es sieht. Am Buchrücken. Wenn sie darüber streicht und den Klappentext liest, weiß sie, ob sie es behalten will. Katja behält viele Bücher. Genau wie den richtigen Mann.

Wenn ich an Menschen mit großen Herzen denke, dann fällt sie mir ein.

Wir leben „Seite an Seite“ und wenn ich einen Berg erklimme, ist er nie zu hoch für mich.

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Klar, an Dich als Autor kommt niemand ran. Du bist der Meister der Literatur und wir können froh sein, eine kurze Rolle im großen Werk zu spielen. Wir haben Glück, wenn Du uns Hochphasen zuschreibst oder Wendungen so gestaltest, dass wir sie ertragen. Worauf wir uns verlassen können ist, dass wir nie alleine sind. Einsamkeit ist eine Illusion. Brainfuck. Du schreibst uns wundervolle Gefährten in unsere Lebensromane. Manche von uns sind einfach zu blind und zu taub, um sie zu erkennen.

Danke, dass Du mich wach geschrieben hast und schreibst. Und jetzt lass uns diesen Brief an Dich mal online stellen, damit sie es lesen kann, bevor der Tag zu Ende geht und das nächste Kapitel beginnt.

Alles Liebe zum Geburtstag, Kaddlsch!

wödep

B.

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