Surfen lernen heißt leben lernen

Es ist Sommer 2016. Derjenige Sommer, in dem Sina, Denise und ich begreifen, dass Surfen mehr ist, als Wellenreiten. Surfen bedeutet Leben.

Im regnerischen Juni des Jahres fragt mich Sina, ob ich Bock habe auf Surfen. Surfen? Noch nie drüber nachgedacht. Klingt nach einer guten Idee. Findet auch Denise und schwupps, drei Monate später stehen wir in Neoprenanzügen und Surfboards unter’m Arm in El Palmar, Südspanien.

Andalusiens Sonne begrüßt uns mit einer brennend heißen Umarmung, als wir in unseren Mietwagen steigen und dabei gleichzeitig unsere deutsche Pünktlichkeit samt Planbarkeit aus der Karre schmeißen. Jetzt ist Auszeit von dem, was wir Alltag nennen. Wir machen das gut, finde ich. Mit 45 PS düsen wir Runde um Runde liegende Achten in Kreisverkehren, weil wir weder Navi, noch Ortskenntnisse haben.

Denise singt lauthals unsere Playlist auf der Rückbank, während Sina regelmäßig darauf Aufmerksam macht, dass dieses Auto keinen sechsten Gang hat. Der sechste Gimg_3427_hagridang ist hier der Rückwärstgang. Ich lerne, dass zu schnelles Reisen manchmal einen Rückwärtskurs bedeuten kann. Schneller bin ich nie langsam gefahren, als an diesem Nachmittag.

Wir gurken noch ein bisschen durch El Palmar, bis wir schließlich mit vollen 20 kmh an Linos Haus vorbei fahren. Unser Gastgeber, Surflehrer, 5-Sterne-Koch und Fitnesscoach in einem. Nach unserem ersten Warm-Up am Strand nenne ich ihn insgeheim Foltermeister und schwöre bittersüße Rache über Hundetraining. Es wohnt ein elf Wochen alter Mastador (ein Mix aus Labrador und Mastin Espagnol) seit drei Wochen bei Intoosurf. Bruder Tack beugt meinen Entzugserscheinungen vor. Wo Fell ist bin ich zu Hause. Gut, dass es fast überall auf der Welt Hunde gibt.

 

Fitness für´s Surfen

„Und, was habt ihr so zur Vorbereitung gemacht zum Surfen?“ fragt Lino. Ich gucke gerade zu Sina, als er das fragt und sehe, wie ihre Augen groß werden und das Lachen aus ihrem Gesicht gleitet. Ganz kurz nur. Ist schließlich Sina, dauert nur wenige Sekunden und schon prustet sie lauthals „Nix!“, gefolgt von einer Gegenfrage: „Hätten wir sollen?“

Lino, dem die Nummer mit dem Surfen echt ernst ist, zieht die Augenbrauen hoch. Wir erfahren, dass eine bestimmte Ernährung zusammen mit Ausdauer- und Krafttraining dringende Voraussetzung dafür ist, dass wir gute Surfer werden können. Wir lernen, dass mentale Übungen zur Vorbereitung genauso dazugehören wie die Begegnung mit Ängsten.

img_3488Wir ziehen unsere zweite Haut an, die Neoprenanzüge. Sie sollen uns vor Kälte schützen, aber auch vor Hautverletzungen. Irgendwie fassen wir es auch als Kompliment auf, dass Lino uns Teile reicht, die wir eher Zwölfjährigen angezogen hätten. Oh Wunder, wir passen trotzdem alle drei in, gefühlt, Konfektionsgröße 32. Erste Funken der Liebe zum Surfen leuchten ins unseren Augen auf.

Und dann geht’s los. Liegestützen, Übungen zur Körperspannung, Yoga-Elemente, Paddeln im Sand. Wir sind alle drei einmal komplett platt, als Lino schließlich verkündet, dass wir jetzt ins Wasser gehen.

„Das ist echt sein ernst, oder?“ keucht Denise und lacht. Dabei schwankt der Ton zwischen Hysterie, Euphorie und Fassungslosigkeit. Und ja, es ist sein ernst. Jeden Tag der gesamten Woche, die wir hier sind.

Irgendwie leuchtet es ja auch ein. Sind wir mal ehrlich: Dick und träge macht es einfach keinen Spaß, sich zu bewegen. Das zieht sich durch’s ganze Leben. Egal was Du tust, ein gesunder Körper ist die halbe Miete. Und wir alle kennen die Gedankenfeuer in der Nacht. Die vermeintlichen Realitäten in unserem Leben, die Deine Aufmerksamkeit in Ecken lenken, die Du gar nicht besuchen magst. Hast Du gelernt diese Gedanken zu steuern, sie zu fokussieren, gehört Dir eine sehr wertvolle Macht. Da reißt Dich kaum noch eine Gedankenwelle mit.

 

Surfboard: Bester Meeresfreund und fiesester Ozeanschläger

Es dauert nicht lange und Denise, Sina und ich schließen unsere Surfboards ins Herz. Wenn man so lange so intensiv zusammen Zeit verbringt, da hat man mit letzter Kraft sogar Bretter lieb. Wir nennen sie unsere besten Meeresfreunde.

Ich sitze auf meinem Board und warte auf meine nächste Welle. Sina paddelt ein wenig von mir entfernt. Plötzlich entscheidet sie sich doch dagegen, diese Welle zu reiten. Mir ist klar, dass ihre Kraft langsam nachlässt. Ich muss selber dem Impuls widerstehen, einfach auf dem Brett sitzen zu bleiben oder, noch besser, darauf zu liegen und die Wellen einfach durch zu lassen. Sina umklammert ihren besten Meeresfreund, als würde sie ihn umarmen. Von hinten sieht das zumindest so aus. Dann geht sie in die Kobra-Haltung, das Meer schaltet seinen Waschgang für sie ein und ich… kriege von Sinas bestem Meeresfreund volles Rohr eine Breitseite ins Gesicht gefackelt. Sinas bester Meeresfreund lässt seinen Frust an mir aus und wird zum fiesen Ozeanschläger. Alle Surfboards können beides.

 

Hanging Loose im Meer

Lino wird zum Fisch und paddelt vor uns die Wellen hoch, durch sie hindurch, an ihnen vorbei und drunter hinweg. Ungläubig starren wir ihm nach. Keine von uns protestiert noch, wir wissen, wir haben ohnehin keine Chance. Also ihm nach. Es fühlt sich nach ein paar Minuten an, als seien wir die komplette Costa de la Luz entlang gepaddelt. Als wir anhalten, lernen wir eine der elementarsten Übungen: Hanging Loose.img_3492_hagrid

„Ihr setzt euch einfach auf den hinteren Teil des Boards. Nicht klammern. Weder mit den Händen, noch mit den Beinen. Einfach locker sitzen bleiben und mit der Hüfte die Wellenbewegungen ausgleichen“, sagt Lino. Ich glaube, es sagt genug über uns drei aus, dass wir diese Technik sofort beherrschen. Weil wir mit unserem besten Meeresfreund gerne spielen, fangen wir an auf den Boards zu knien und ein paar Turtle Rolls zu machen. Sina kündigt einen Purzelbaum an. Angeblich ist das ihre Geheimwaffe gegen Gleichgewichtsstörungen. Ich kann nicht sagen, wie’s gelaufen ist, weil mich eine grüne Welle in die Arme geschlossen hat.

Das Leben ist genau wie Surfen. Wenn das Meer das Leben ist, schickt es dir Wellen. Große, energiegeladene Kracher. Manche nimmst Du mit Leichtigkeit, andere ziehen Dich unter Wasser. Das ist okay, Du darfst fallen. Das musst Du sogar, wenn Du erfahren magst, was Menschsein heißt. An der Oberfläche zu schwimmen führt Dich niemals in die Tiefe, dorthin, wo Du Dich selbst findest. Da ist Dein Frieden zu Hause, Deine Leichtigkeit, Deine Freiheit. Da kannst Du chillen. Hanging Loose eben. Locker mit der Hüfte die Wellen anlächeln, gegen die Du vorher noch gekämpft hast. Manchmal sogar vor Freude Purzelbaum schlagen.

 


 

Infos zu Intoosurf in El Palmar, Spanien

Surf WG
Carril del Guerrero s/n
11159 El Palmar /Cadiz
info@intoosurf.com
Inhaber: Lino Gomez Campos

Du bekommst:
Training in kleinen Gruppen
Sehr engagierten Surflehrer
Mega-Hammer Essen
Nah am Strand
Saubere Zimmer/Sanitär

Du machst besser:
Fitnesstraining vorher
Vorfreude auf Stockbetten und Hostel-Atmosphäre

Du verzichtest auf:
Luxus – wenn Du unbedingt Privatsphäre oder Alleinesein brauchst, ist das hier nichts für Dich

 

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