Es präsentiert das Leben: Die Lehrmeister

Alsbald erreichte ich eine Insel. Wie groß sie war, konnte ich nicht ausmachen, weil dichter Nebel die Sicht versperrte. Überhaupt begleitete mich seit einigen Tagen immer wieder ein Nebel im Kopf und auf dem Meer. Zwar wusste ich, dass Balo und Kurma stets in meiner Nähe waren, dennoch war mir mulmig zumute. So war ich noch nie gesegelt. Weder mein Körper, noch mein Geist oder meine Seele hatten sich an den neuen Zustand gewöhnt, den ich nun lebte.

Ich sehnte mich nach Hilfe. Nach Hilfe von anderen Menschen, solchen, die bereits etwas wussten, das mir noch fremd war. Etwas, das mich bei meiner Suche nach mir und meinem Glück weiterbringen konnte. Ich wollte einen Obi-Wan Kenobi, der mir versicherte, dass die Macht wirklich mit mir war und mir dann auch noch erklärte, was genau diese Macht eigentlich bedeutete. Wie ich sie rief, behielt und lenken konnte.

Nun, das Leben schickte mir nicht eine einzige Person. Es wäre zu schön gewesen. Das Leben schickte mir Häppchenweise Lehrer. Manche kamen gleichzeitig, andere wechselten sich ab.

Das Leben schickt uns immer, was wir gerade brauchen und wen wir gerade brauchen. Wir bekommen alle unsere Lehrer geliefert, kleine und große. Menschliche und tierische. Sogar pflanzliche.

Eines vorneweg, bevor Du das romantische Hollywood-Abenteuer-Kopfkino für Helden in Dir anschmeißt:

Diejenigen, die uns am meisten beibringen, können eine Sache sehr, sehr gut. Sie berühren uns zutiefst. Sie beherrschen es perfekt, Punkte zu identifizieren, die Dich wachsen lassen. Diese Punkte tun manchmal exorbitant weh, wenn sie berührt werden. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du die Liebe, die sich dahinter verbirgt, irgendwann erkennst. Lehrmeister sind häufig unsere Kinder, unsere Geschwister, unsere Eltern. Die besten Freunde. Auch Kollegen oder Chefs, sogar der eigene Hund. Jede Begegnung trägt eine Lehre in sich.

Die Insel der Obi-Wan Kenobis
Hin und wieder treffen wir auf Menschen, die uns ganz besonders voranschreiten lassen. Die echten Obi-Wans, wenn Du so willst. Oft wissen die Obi-Wans von sich gar nicht, dass sie Dich so intensiv fordern. Mit einer respektvollen, liebevollen Konsequenz besprechen sie mit uns jene Schritte, die uns weiter bringen. Ein Lehrmeister hat Freude an Deinem Wachstum. Er nimmt Dich voll und ganz als diejenige Person an, die Du bist. Dieser Lehrer presst Dich niemals in Formen und Rahmen, die er Dir überstülpt. Dieser Mensch erkennt Dein Potential und hilft Dir dabei, Dich zu entdecken. Dabei schreckt er nicht davor zurück, Dich leiden zu lassen. Ja, es ist zum Mäusemelken: Leiden schafft Erkenntnis. Wenn Du ein Mensch bist, der etwas will vom eigenen Leben, kommst Du nicht darum herum echt viele schmerzhafte Tage zu erleben. Die gehen den goldenen Zeiten immer voraus.

Dieses Kapitel ist für J., C., M., P. und S. in der Reihenfolge, wie ich sie kennen gelernt habe und für alle anderen Wegbegleiter. Ich danke Euch für jeden Schwerthieb, jeden Pfeil und jede Sekunde in der Ihr es ausgehalten habt, mich liegen zu lassen. Letztlich habe ich die Kraft in mir dann doch gefunden. Ich danke Euch für Eure Geduld, Eure Nachsicht, Eure Offenheit. Danke für Eure Schwäche, die meiner ebenbürtig ist. Danke für Eure Stärke, die meiner die Hand reicht. Ja, es stimmt. Manche Narben sind Erinnerungen daran, dass wir uns verlaufen haben. Dass es jemanden gebraucht hat, der uns zurück auf unseren Weg gebracht hat. Ihr hattet Recht. Sie zu verdecken war ein Irrsinn, die sanfte Pflege eine gute Idee.

J.: Das Ying in meinem Yang
Ich nehme das Happy End des Treffens dieses Lehrmeisters vornweg, weil ein ganzes Buch über meine Erfahrungen mit ihm gefüllt werden kann. Ich habe J. geheiratet.

Sie sind so unglaublich selten, diese Männer, die sich in das Licht UND den Schatten einer Frau verlieben. Die Kerle, die mit einem unglaublichen Mut irgendwann in das hässliche Gesicht der ursprünglichen Schönheit blicken und erkennen, dass dahinter etwas noch phantastischeres wartet. Jene Männer, die uns Frauen ermutigen, sich selbst zu entdecken und zu leben. Die es aushalten, dass wir stark und stärker werden und stolz darauf sind, an unserer Seite zu sein. Die mit uns, statt gegen uns antreten. Solche Männer, die ihren eigenen Weg gehen und über sich selbst hinaus wachsen, ohne sich auf die eigene Gorilla-Brust zu trommeln und stetigen Applaus zu fordern. Die für sich alleine stehen und mit uns zusammen. Ich wünsche jeder Frau auf diesem Erdball, dass sie eines Tages erstens erkennt, was in ihr steckt und zweites, ihr männliches Gegenstück erspäht, gewinnt und behält.

C.: Der Weg zu meinem Weg
Ich lernte C. in meinem ersten Job nach dem Studium kennen. Das war mein erster Business-Coach, der mich mit seinen Fragen nach Glücksmomenten im Leben wachrüttelte. C. war verrückt, im besten Sinne. Ich meine, wer eine komplette Insel im Meer nur für Schwule baut, der muss einen an der Klatsche haben und das bewunderte ich zutiefst. Er war ein Geschenk, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe durch ihn erkannt, dass es nicht darum ging, meine Schwächen auszubügeln. Es geht niemals darum. Meine Stärken sind es, die mich tragen – und zwar über meine Schwächen hinweg. Ich hatte begriffen, dass ich nicht anstellbar war und besser selbständig arbeitete. Durch C. fasste ich letztlich den Mut, den nächsten Schritt zu tun: Hunde in mein Berufsleben lassen.

M.: Gegen jede schreckliche Ideologie gibt es eine Medizin
Von M. habe ich gelernt, dass die richtige Idee zur richtigen Zeit vom ganzen Universum unterstützt wird. Wenn es an der Zeit für einen Umbruch ist, für ein Umdenken althergebrachter Verhaltensweisen und Du der absoluten Überzeugung bist, dass das, was Du da tust, heilsam ist für andere Lebewesen, dann hilft uns eine Macht, die unendlich viel größer ist als jede menschliche Gegenreaktion. Menschen mögen es nicht, wenn man ihnen ungefragt einen Spiegel vorhält. Wenn man Geschenke an sie verteilt, die sie gar nicht haben möchten. Veränderungen, die damit einhergehend auf die Bühne treten, schon gar nicht. So kommt eine Welle der Gegnerschaft parallel zustande. Wenn Du die nicht aushältst, hast Du verloren. Es braucht Fokus, Standhaftigkeit und ein riesengroßes Herz, das zum rechten Moment noch aufgeht und schlägt. Selbst, wenn es unzählige Male verletzt wurde. Krieger, die so ihre Schwerter führen, gewinnen Kämpfe.

P.: Am Ziel des falschen Weges beginnt die Reise erst
Als ich P. kennen lernte, dachte ich, ich wüsste schon, wo es lang geht. Dann erkannte ich, dass ich nichts erkannt hatte. Wehrte mich, kämpfte gegen diese verdammte Erkenntnis und ließ schließlich los. Ließ das geschehen, was geschehen musste, wollte, durfte und konnte. Ich tanzte auf seltsame Musik, trommelte Indianertrommeln, begab mich in Trancen, lernte Hypnosen und uraltes Wissen. Setzte mich mit mir und anderen Menschen intensiver auseinander, als ich glaubte aushalten zu können. Spiegelte mich, spiegelte andere und wieder zurück. Fand Menschen immer schrecklicher und letztlich immer faszinierender. Begriff, dass ich mich selbst am besten erfuhr, wenn ich Menschen in ihrem Kern erkannte. Durch P. erhielt ich meinen Kompass und lernte, ihn zu benutzen. Durch die Arbeit mit P. verlor ich mein altes Leben und bekam dafür das zurück, was zu mir passte.

S.: Tiefseetauchen ins Ich
S. war mein Spirit-Punk. Nie hatte ich jemanden getroffen, die derart bodenständig im Himmel sein konnte. S. schien mir oben und unten gleichzeitig zu sein. S. war aus meiner Warte Innen und Außen in jedem Moment. Sie begleitete mich in die tiefsten Untiefen meines Unterbewusstseins und brachte das hervor, was ich alleine nicht erreichen konnte. Ich lernte, mein Unterbewusstein selbständig zu befragen. Vollständigkeit, Halt in der Haltlosigkeit, Ausgeglichenheit im freien Fall. Gedankenkontrolle, auf Knopfdruck Stille und Ruhe. Kein Lehrmeister hat mich diese Ebene so akkurat gelehrt, wie S. Dafür hat auch keiner sonst diese bestialischen Schmerzen verursacht. Manchmal wollte ich nur noch, dass es aufhörte. Doch Aufgeben war nie eine Option. Wenn Du mit dem Arsch über einem Vulkan hängst, bleibst Du nicht dort, bis Du gut durchgeröstet oder verbrannt bist. Da bewegst Du Dich weg.

Manchmal, da sitze ich mit dem ein oder anderen Lehrmeister ums Feuer. Jeder von uns hat eine Geschichte zu erzählen. Geschichten über Niederlagen und Siege. Über Wunden, Narben und kraftlose Momente. Über helfende Hände, wärmende Worte und den Glauben daran, dass uns jeder Kampf und jeder friedvolle Moment mit etwas Großem verbindet.

Noch während ich das Feuer schürte, um das S. und ich neulich saßen, hörte ich den ersten der Wölfe im Hinterland jener Insel heulen, vor der mein Schiff gerade vor Anker lag.

Teil 1 verpasst? Hier geht es lang…

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