Hast Du jemals ein Kapitel von Deinem Ex-Ich gelesen?

Erst letzten Monat, da isses mir wieder passiert: Ein Kapitel in meinem Leben, das ich längst abgeschlossen hatte, ging wieder auf. Meine Studentenzeit wedelte hektisch mit einem Blatt Papier vor meiner Nase. Mein Ex-Ich von damals ist plötzlich wieder da. Was wir aus vergangenen Kapiteln, die plötzlich wieder aufgehen, lernen können? 

Manche Kapitel sind ortsbezogen, andere musikbezogen. Klamottenbezogen oder duftbezogen. Es gibt Kapitel, die gehen dann auf, wenn Du in einer Stadt an einer Bar sitzt und plötzlich an eine Situation erinnert wirst, die damals dort passiert ist. Ganze Lebensabschnitte spulen sich da im Kopfkino ab. Wenn bestimmte Reize alleine oder in Kombination auftreten, erinnern wir uns. An unliebsame und wunderbare Momente gleichermaßen. Das hat einen Grund.

BMW statt Damenfahrrad
Mir ging das so, als ich nach Hannover wollte und wie von Geisterhand in Göttingen landete. Plötzlich bin ich wieder im Grundstudium. Bloß, dass ich jetzt im 3er BMW statt klapprigem Damenfahrrad vor der Uni parke und mein Hund an meiner Seite ist. Am Socio-Oeconomicum ein Schild „Kein Mensch ist illegal“, wo früher „Tach, Elite!“ hing. Ich sehe sogar ein paar alte Gesichter! Alt im wörtlichen Sinne. Meine Tutoren von damals sind ergraut, genau wie ich.

Als ich durch die Drehtüre des Zentralen Hörsaalgebäudes gehe, atme ich den typischen Geruch von stickigem Hörsaal, staubigen Lampen und Kaffeegeruch ein. Das gibt mir den Rest. Ich beginne, mich wieder wie damals zu fühlen. Mein Ex-Ich krabbelt hervor.

Was nie in den Büchern stand
Ich fühle die Glaskuppel wieder über mir. Die schützende Schicht während all der Lernerei, die mich kaum auf das vorbereitet hat, was ich tatsächlich gebraucht hätte. Jetzt kann ich mit wissenschaftlichen Modellen arbeiten, Hypothesen formulieren, Studien für verifiziert oder falsifiziert erklären. Kann Fälle subsumieren. Kann Individualität von Kollektivität unterscheiden und die Linie dazwischen sehen.

Ich sehe mich in diesem Hörsaal sitzen. Mein Ex-Ich. Was ich da als Studentin nicht kann?

Das Leben steht nicht in Büchern
Ich habe keine Ahnung, wie sich Burnout anfühlt oder wie Leute aussehen und sprechen, die es haben. Das steht in meinem „Handbuch Personalwirtschaftslehre“ nämlich nicht. Das vergisst der Professor im Hörsaal auch zu erwähnen: dass wir auch Menschen sind. Dass es sehr real ist, dass wir das, was wir da lernen, selbst erleben werden. Weil nämlich diese Firmen da draußen, die uns unbedingt haben wollen (schließlich sind wir an einer Elite-Uni), geradewegs so organisiert sind, dass wir vor lauter Arbeit das Leben nicht mehr sehen.

Damals erinnern an alles, was heute passiert
Keiner der Professoren erwähnt, dass wir die Träume von heute ruhig behalten sollen. Dass wir uns erinnern sollen an das, was wir uns jetzt wünschen. Keiner kommt auf die Idee, einmal zu schreiben, dass wir diese Träume später auch loslassen dürfen, weil wir schließlich als Persönlichkeit reifen werden. Dass es da normal ist, dass sich Träume und Ziele verändern. Ich brauche jetzt jemanden, der mir sagt, dass ich nur eines niemals vergessen darf: Mich daran zu erinnern, dass Träume, Visionen und klare Ziele das sind, was mich jeden Tag „Ja!“ zum Leben sagen lässt. Dass sie niemals im Kopf entstehen, sondern immer im Herzen.

Ich brauche als diese junge Studentin jemanden, der mir zeigt, wie ich meinem Herzen zuhören kann. Der mir gesteht, dass es manchmal nicht leicht ist, diese Stimme im Herzen zu verstehen, weil der Kopf so laut dröhnt. Dass das normal ist und ich nicht alleine damit bin.

Jetzt stehe ich hier, zehn Jahre später und wünsche meinem Ex-Ich aus der Vergangenheit etwas:

Ich will mich in der Zukunft daran erinnern, dass all die Theorien und Modelle, all die Meetings und Konferenzen, all die Messen und Geschäftsessen, nicht mein ganzes Leben sind. Dass mein Leben auch meine Freunde sind. Meine Familie. Dass mein Leben Zeit für mich alleine bedeutet. Dass es bedeutet, das Recht zu haben, ich selbst zu sein und täglich Dinge zu tun, die zu mir passen.

Mich erinnern, dass ich irgendwann erkennen will, wie all das zusammen geht. Das, was ich gerade als Work-Life-Balance lese. Unzählige Theorien zu einer Sache in diesen Büchern, die im Grunde ganz einfach ist.

Ich will mich erinnern, dass ich irgendwann in der Zukunft erkennen will, wer ich bin und sein will. Denn jetzt, zwischen all den Büchern und verkopften Menschen unter dieser Glaskuppel, habe ich nur schlechte Chancen.

Zurück in die Zukunft
„Es wäre heut nicht wie es ist wär es damals nicht gewesen wie es war“ singt Casper im Radio. Ja, stimmt schon. Doch mal angenommen, wir würden den Studenten von heute in den Hörsälen beibringen, wie sie ihr Leben gestalten können. Und zwar so, dass sie Kopf und Herz gleichermaßen verstehen mit der Ehrlichkeit von Tutoren, Dozenten und Professoren, die es dazu braucht? Wie würde sich ein längst abgeschlossen geglaubtes Kapitel eines solchen Menschen lesen?

Ende des Kapitels.

This one goes out to Jörn, Jana, Laura, Sina, Lilly, Jochen, Bettina, Doro, Jojo, Feili and Ci. Thanks guys, keep chasing your dreams!

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