Mein Weihnachtswunsch am Ground Zero

Ich stehe am Ground Zero. Am 9/11 Memorial. In einer Zeit, in der in meinem Land von islamischen Terroristen die Rede ist, vor denen tausende Menschen fliehen. Auch nach München. Der Stadt, die meine Großeltern als Geburtsstätte eines anderen Terrors kennen gelernt haben. Ich treffe eine Entscheidung: Ich wünsche uns und unseren Kindern, dass sie eines Tages keine neuen Gedenkstätten mehr bauen müssen. Dass sie keine Relikte hinter Glasvitrinen ausstellen und auf Tafeln die Namen ihrer Toten schreiben. Ich wünsche uns und unseren Kindern die Erkenntnis, die es braucht, um aus den Fehlern der Gedenkstättenbauer der Vergangenheit zu lernen.

ground zero 2Die Wall Street schickt unaufhörlich ihren Lärm in meine Richtung und irgendwie schafft es dieser Ort doch, dass er eine friedliche Stille bewahrt inmitten von Manhattan. Es ist ein sonniger Morgen an diesem Dezembertag. Hin und wieder kommt ein kühler Wind auf, der die Blätter der jungen Bäume hier bewegt. Sie stehen noch nicht lange da. Nichts steht hier schon besonders lange. Ich höre Wasser plätschern und folge dem Geräusch. Langsam ahne ich, worauf ich mich gerade zu bewege. Eine weiße Rose hebt sich vom Bild der zigtausend Namen ab. Ich habe Ground Zero erreicht.

ground zero 9/11 memorial

Ein dicker Kloß formt sich in meinem Hals, je länger ich ihre Namen lese. Ich streiche darüber und frage mich, wer diese Frau war. Eine Mutter vielleicht, eine Schwester, beste Freundin, gute Kollegin. Sicherlich keine Heilige, ein ganz normaler Mensch vermutlich. Mit Ecken und Kanten. Hier, an diesem Ort, hat sie am 11. September 2001 ihr Leben verloren, zusammen mit beinahe 3.000 anderen Menschen. Anderen Müttern, Vätern, Brüdern, Kollegen. Jemand hat diese weiße Rose hierher gelegt. Dann setze ich einen Fuß vor den anderen und gebe 9/11 die Chance, mir beim Erinnern zu helfen.

Das ist keine „Sehens“würdigkeit – es ist eine „Erinnerungs“würdigkeit
Das letzte Mal, als ich an dieser Stelle stand, waren die Aufbauarbeiten noch in vollem Gange. Weder ein Museum, noch eine Gedenkstätte gab es hier 2011. Doch ich stand auch schon 1998 an diesem Ort. Ich habe sie gesehen, betreten, hier Blödsinn mit meinen Schulkameraden gemacht und eines unserer Klassenfotos aufgenommen, als die Welt uns zu Füßen lag. Das, was von ihnen übrig geblieben ist, habe ich heute in einem Museum wieder gesehen. An den Relikten der Twin Towers kleben Verzweiflung, Trauer, Machtlosigkeit. Das 9/11 Memorial mit seinem Museum unterscheidet sich von allen anderen “Sehenswürdigkeiten” dieser Stadt.
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9/11 ist real. Bis auf ein paar Kinder, die hier herumrennen, haben alle Besucher diesen Tag miterlebt. Die meisten von uns vor Bildschirmen. Uns allen ist heute gemein, dass wir die Bilder der verzweifelten Menschen sofort wieder in unseren Köpfen haben. Wir sehen sie nicht nur vor uns, wir hören sie auch. Wir gehen die Treppen hinab, auf deren Stufen hunderte Menschen versucht haben, in Sicherheit zu kommen. Wir stehen auf den neuen Stufen der Stellen, an denen sie dennoch sterben mussten. Wir werden an jene erinnert, die aus den Fenstern sprangen und an jene, die im Einsatz starben, um andere zu retten.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial

Unvergessen auf Wände gemalt 

Ich komme in einen Raum, in dem die Bilder der Toten hängen. Ihre Namen stehen darunter und es gibt einen Computer, in den ich einen der Namen eintippe. Ein Mann wird mir angezeigt, er umarmt seinen Deutschen Schäferhund. Ich komme nicht umhin daran zu denken, dass nicht nur Menschen ihre Lieben verloren haben. Auch ihre Hunde warteten vergeblich auf Frauchens oder Herrchens Rückkehr an diesem Tag. Der Computer fragt mich, ob ich seiner gedenken und den Namen im Gedenkraum anzeigen will. Ich drücke “ja” und gehe in einen dunklen Raum. Hier sitzen Menschen mit mir, die still den Stimmen der Familienmitglieder zuhören, die die Gesichter und Geschichten derer kennen, die wir nur als bloße Namen an dieser Wand draußen sehen. Wir blicken auf das Bild einer jungen Frau, sie war schwanger, als sie hier am 11. September starb. Ihr Vater erzählt uns von ihr.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial
Ich gehe an einem gelben Teddybär vorbei. Er gehörte einem der Kinder, die im Flugzeug saßen. Ich blicke auf Handys, Geldbörsen, Kopfhörer von Menschen, deren Namen darunter stehen. Das hier, das ist keine Glasvitrine mit mittelalterlichen Dolchen und Schwertern aus einer Zeit, die mir fern ist. Das hier ist meine Zeit, meine Welt, das sind meine Erinnerungsfetzen an diesen Tag, das ist ein Teil meiner Geschichte. Ich stehe hier umgeben von der Traumabewältigung von Familien, die ihre Angehörigen begraben mussten, weil ein paar Irre der Überzegung sind, dass der Tot von Menschen Freiheit bringt. Das, was ich in den Gesichtern der Besucher hier sehe, habe ich noch nie in einem Museum gesehen. Niemand lacht  oder geht gar achtlos irgendwo vorbei. Niemand drängt sich nach vorne oder reißt Witze. Keiner versucht hier altklug daher zu reden. Selbst als ich mich heimlich einer Gruppe anschließe, die einen Guide gebucht hat, bemerke ich den Unterschied: diese Geschichte an diesem Ort geht jedem hier mitten ins Mark. Auf jeden Fall habe ich nie Frauen und Männer gleichermaßen in einem Museum mit den Tränen kämpfen sehen.

Unvergessen in Haut gestochen
Ich stehe vor einer Wand mit tätowierten Männern. Auf ihren Rücken und Armen stehen die Namen ihrer Kollegen, Freunde und Familien. Die Twin Towers stehen noch beim einen, beim anderen gehen sie in Flammen auf. Zuerst denke ich, dass diese Männern nicht ganz richtig ticken. Wie kann man sich diese Tragödie aGround Zero 9/11 New York City Memorialuf dem eigenen Körper verewigen? Dann lese ich die Erklärung auf einer Tafel: “Für mich war es leichter, mit dem Schmerz in meinem Inneren klar zu kommen, als die Nadel ihn in meinen Körper gestochen hat.” Hm. Ich kenne Menschen, die so leichter mit dem Tod umgehen können. Sogar ihre Hunde stehen dort. Ob Loslassen so funktioniert? Ich weiß es nicht.

Ich wünsche uns und unseren Kindern, dass sie eines Tages keine neuen Gedenkstätten mehr bauen müssen. Dass sie keine Relikte hinter Glasvitrinen ausstellen und auf Tafeln die Namen ihrer Toten schreiben. Ich wünsche uns und unseren Kindern die Erkenntnis, die es braucht, um aus den Fehlern der Gedenkstättenbauer der Vergangenheit zu lernen.

This one goes out to the living who listen, write and sail.

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