Angst über Bord!

Mann über Bord, Frau über Bord, Hund über Bord – was auch immer die Mannschaft in dem Moment schreit, wenn wir ungewollt ins Wasser plumpsen, wir wollen gerettet werden. Alle sollen gerettet werden. Außer meine Angst, die will ich gerne ersaufen lassen! Dieser Blog beschreibt eine Reise vor der Reise, während der Reise und, je nachdem wie es ausgeht, nach der Reise. Die Mannschaft hat aktuell zwei mal zwei Beine und ein mal vier Beine.

“Mann über Bord entspricht heute nicht mehr der political correctness. Wir sagen jetzt Mensch über Bord.” Mario, unser Segellehrer, weiht uns in die ersten Schritte des Segelns ein. Dazu gehört auch das Verhalten im Notfall. Phaedra hält kurz inne und legt ihr durchgeknautschtes Lammohr beiseite. Fragend blickt sie mir mitten ins Gesicht. Ja, Hund, ich denke das gleiche. Auch mir ist es pupsegal, wie wir das Manöver nennen.

Hunde und Menschen haben keine Flossen
Phaedra und ich, wir sind Landeier. Beide sind wir der Meinung, dass der Herrgott uns sicherlich mit Schwimmhäuten und Kiemen ausgestattet hätte, wenn das Wasser unser Element hätte sein sollen. Zu meinen glücklichsten Momenten gehört es, mit meinem Hund durch hohes Gras zu schleichen, ihr beim Sprinten zu zu schauen, sie beim Schnüffeln anzufeuern. Kurzum: sie Hund sein zu lassen. Und wo leben Hunde? An Land.

IMG_0829“Angst ist ein schlechter Begleiter beim Segeln, man muss Souveränität beibehalten.” Mario zeigt ein Video mit Windstärke 10. Abgebrochene Masten, Boote die übereinander liegen. “Du brauchst immer einen Plan. Immer. Die Sicherheit bei der Planung kommt über die Jahre.” Ein Glück, denke ich. Denn ich habe noch 15 Jahre Zeit, bis mein Mann und ich unsere Lebensträume zusammen legen.

Ich will die Welt bereisen. Schon immer. Ich will sie durch die Augen ihrer Menschen sehen, durch ihre Pflanzenwelt wandern und ihre Tiere schützen. Irgendwie hatte ich die letzten 34 Jahre das Wasser dabei übersehen. Gemessen an der Tatsache, dass unser Planet hauptsächlich von Wasser überzogen ist, ganz schön behämmert. Wasser sichert außerdem das Leben. Wasser und ich – wir hatten uns irgendwie immer verpasst. Bis Jörn kam.

Mitten ins Herz getroffen, fangen manche Menschen an zu leben
Eines Abends, als wir in unserer legendären Küche in Münchens Kattowitzerstrasse standen, trafen mich die Worte meines Mannes mitten ins Herz. Wer jemals einen Moment erleben durfte, in dem ein Mensch von seinem Traum oder seiner Lebensvision erzählt und es mit jeder Faser seines Körpers weiß, dann brauche ich nicht viel mehr schreiben, als das. Wer es nicht erlebt hat: Du kannst es in den Augen sehen, an der Stimme hören und in der Brust spüren. Es haut dich einfach um. Du kommst nicht auf die Idee, nach dem “Ja, aber…” zu suchen. So ging es mir zum ersten Mal in meinem Zusammensein mit Jörn. Wer meinen Mann und mich kennt, vermutet hinter der Idee einer Auszeit oder eines Lebensabends auf See eher ein Hirngespinst von mir. Jörn ist der Denker, Planer, Kritiker. Ich bin die Kreative, Revoluzzer, Visionärin. Ihr dürft mir glauben, dass ich schwankte in meinen Gefühlen. Unfassbare Freude (“juhu, er wird endlich abenteuerlustig!”) gepaart mit Überforderung (“Ich kann nicht Segeln. Fischen. Surfen. Tauchen. Gerade so schwimmen. Ohne Hund Leben!”) Ich half mir mit dem, was mich bislang immer gerettet hat: geh dorthin, wo die Angst winkt. Sie lädt dich zum wachsen ein.IMG_0821

Ein halbes Jahr später buchte ich einen ersten Segelkurs. Im Kopf bereits angemeldet für alles, was man an Scheinen und Qualifikationen für den Segelsport überhaupt machen kann, wenn man Richtung Blauwassersegeln strebt.

Die Reise beginnt mit dem ersten Schritt
“Du kannst sogar eine medizinische Grundausbildung machen und lernst, wie man Haut an toten Schweinen näht.” Marion zwinkert mir zu. Ich mache mir eine Notiz: lernen, wie man klaffende Wunden versorgt und zunäht.

Ende Juli 2015 sitzen Jörn, Phaedra und ich also bei ABC Wassersport in München und pauken alles Rund ums Boot, seemännisches Arbeiten (das darf man so schreiben, seemenschliches Arbeiten gibt es noch nicht als Wort), Wetterkunde, Motorkunde, Schallsignale… Als meine mitfühlende Begleiterin verkauft, erhält Phaedra die Genehmigung zur Teilnahme am Theoriekurs. Sie wird mich niemals persönlich auf diesem finalen Trip um die Welt begleiten, das steht fest. Kein Hund wird das. Trotzdem ist sie JETZT dabei, denn sie gehört zu unserem Leben. Mit ihrer freundlichen, verspielten Art schleicht sie sich schnell in alle Herzen der Teilnehmer und wickelt Seminarleiter und Geschäftsführer um den Finger. Der Bootshund, der Seehund, der Wassersuchund. Ich grinse nur. Wenn die wüssten…

Hier ist der Weg das Ziel. Schritt für Schritt die bewusste Verabschiedung von einer altbekannten Lebensweise hin zu einer neuen. In 15 Jahren sind wir 15 Jahre verheiratet. Wir haben neue Freunde und alte. Menschen, die wir heute noch anrufen, werden dann nicht mehr leben. Phaedra wird nicht mehr leben. Wir werden einen ganzen Haufen Segeltörns gefahren sein und Logbucheinträge sind selbstverständlich. Was heute völlig unbekanntes Terrain für mich ist, wird morgen so selbstverständlich sein wie das Training eines Hundes.

IMG_0825Das Leben mit Leben füllen
Ein Knoten ist eine Seemeile pro Stunde. 80 Zentimeter auf einem Masssband sind achtzig Jahre leben. Wie füllen wir unsere Jahre mit Leben? Wieviele Zentimeter, wieviele Seemeilen wollen wir mit Zeit verbringen, die uns nicht erfüllt? Woher weiß ich, dass dieses Projekt nicht wahnsinnig bescheuert ist, wo ich gerade mal 4 Segeltörns in meinem Leben gesegelt bin? Die Antwort ist: ich weiß es nicht. Manche Dinge im Leben, ich behaupte sogar die meisten, kann der Verstand nicht erfassen. Manche Dinge, die fühlt man einfach. Wenn ich etwas erfahren habe, dann das.

Logbucheintrag
Heute ist Sonntag, 26. Juli 2015. Die Sicht ist klar, es ist sonnig, kaum Wolken am Himmel. Die Temperaturen liegen bei 19 Grad. Wir haben festen Boden unter den Füßen, halten uns für wahnsinnig und unsere Gehirne sind verknotet, ganz wie der schlecht gemachte Palstek in meiner Hosentasche.

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